Pleiten, Pech & Paris!

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Paris

Paris ist laut, Paris ist wunderschön. Paris ist dreckig, Paris ist romantisch. Hier gibt es die besten Croissants und jede Menge Franzosen. Genauso kontrastreich wie die Stadt, ist mein Verhältnis zu ihr: gespalten. Jedes Mal wenn wir vorhaben nach Paris zu reisen oder dort sind, erleben wir eine weniger schöne Überraschung. Wobei ich jetzt auch nicht der Stadt die Schuld dafür geben will, das Gefühl in dem Zusammenhang kann ich dennoch nicht abschütteln, gerade nicht nach jüngsten Ereignissen.

Vor über 15 Jahren hat es mich gemeinsam mit meiner Freundin Chrissi zum ersten Mal hierher verschlagen, seitdem versuchen wir es immer wieder miteinander, nicht Chrissi und ich – > ich meine natürlich die französische Hauptstadt. Chrissi hat meinen 30sten Geburtstag zum Anlass genommen und mir ein Wochenende in der Stadt geschenkt, in der wir schon unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht haben. Ich habe mich riesig gefreut. Außerdem wollten wir unseren kleinen Citytrip nach Paris erweitern und mit dem Eurostar auch gleich noch London einen Besuch abstatten. Leider kam es anders als geplant…

Ihr wisst ja, ich liebe das Reisen! Ich schätze mich wirklich glücklich und bin dankbar, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, so viel auf Wanderschaft zu sein. Reisen mit Rollstuhl birgt gewissen Risiken, das kann ich nicht abstreiten. Ich kann euch aber beruhigen, es ist ganz selten etwas Schlimmeres passiert und auch nur Dinge, die mir genauso gut hätten daheim passieren können. Der größte Nervenkitzel besteht in unentdeckten Gefilden meist darin, schnell eine rollstuhlgerechte Toilette aufzutreiben.

Unsere Zugfahrt begann relativ unspektakulär, der Einstieg in den TGV lief dank fahrzeuggebundener Einstiegshilfe und der Hilfe des Lokführers ziemlich reibungslos. Die halbstündige Verspätung war nicht weiter tragisch, treue Bahnfahrer kennen das Spiel. Weniger günstig war natürlich, dass die Toilette im Zug (die Einzige zu der ich stufenlos komme) defekt war, aber Chrissi war so schlau mir erst davon zu berichten, als wir bereits ausgestiegen sind. Da ich auf Kurzstrecken (egal ob Zug oder Flugzeug) gerne das Aufsuchen des stillen Örtchens vermeide, habe ich in weiser Voraussicht zwei Stunden vor Abfahrt nichts getrunken. Zum Glück.

Straßen Paris

Wir sind trocken in Paris angekommen, unser Hostel war vom Gare du Nord nur 15 Minuten fußläufig entfernt. Ich pinne vor jedem Urlaub alle wichtigen Orte bei maps.me, damit man schnell und bei Bedarf auch ohne Internet, lediglich mit GPS, an das gewünschte Ziel kommt. Mit einem Hostel hatte ich zuletzt in der Schweiz gute Erfahrungen gemacht. Sie verfügen fast immer über barrierefreie oder sogar rollstuhlgerechte Zimmer, bieten eine gutes Preis-Leistungsverhältnis und liegen zentral. Uns gefällt der Nord-Osten von Paris am besten, darum fiel die Wahl diesmal auf das Generator Hostel im 9. Arrondissement. Obwohl ich mir sowohl bei der Buchung als auch im Nachhinein via Email nochmal das rollstuhlgerechte Zimmer habe bestätigen lassen, war es bei unserer Ankunft nicht verfügbar.

Erste herbe Enttäuschung. Das Hostel hat uns zwar den halben Preis für das Zimmer zurückerstattet, ohne Griff an Klo und Dusche waren es aber auch zum vergünstigten Preis eher bescheidene Aussichten. Wir sind also in ein “normales” Doppelzimmer eingezogen, das immerhin barrierefrei und so groß war, dass ich mit Lutzi sogar Pirouetten hätte drehen können, was für Paris wahrlich nicht selbstverständlich ist. Die Ausstattung war spartanisch, vom Boden hätte ich nicht essen wollen und die kleinen Schimmelflecken in der Dusche waren auch nicht gerade appetitlich. Das einzige Fenster im Zimmer war defekt und konnte nicht geöffnet werden, aber wer will jetzt kleinlicher sein, als der Papst. Ich schreibe ungern solche Kritiken, aber ich will die Unterkunft nach unseren Erfahrungen einfach nicht gerne weiterempfehlen.

Es wurde uns versprochen, dass wir am nächsten Tag in das rolligerechte Zimmer umziehen können. Was für mich mit Begleitung in diesem Fall okay war, die Getränkegutscheine für die Dachterrasse mit Blick auf die Sacré Coeur sollten uns milder stimmen. Man fühlt sich etwas an das Landschulheim erinnert, ein großer Teil der anderen Gäste war vermutlich halb so alt wie wir. Dem Lärm nach zu urteilen, den wir bis 5 Uhr morgens gehört haben, fand die Party nicht nur im hauseigenen Club im Untergeschoss und auf der Terrasse statt.

“A little Party never killed nobody”

Paris Sacré Coeur

Getreu dem Motto “A little Party never killed nobody” sind Chrissi und ich dann gleich mal um 7 aufgestanden, um zum Sonnenaufgang schon Richtung Montmartre, unserem Lieblingsviertel, zu stiefeln. Die Aussicht von der Sacré Coeur ist einfach immer wieder unbeschreiblich schön. Nach einem späten Frühstück waren wir voller Tatendrang, bereit für einen Spaziergang durch die Pariser Gassen, ein Ausflug zum Atelier des Lumières und vieles mehr. Doch leider kam es nicht dazu. Mein Schutzengel muss sich auch gerade in den Urlaub verabschiedet haben, als das Worst-Case-Szenario eintritt:

Am Quai de Jemappes wollte ich gerade die Straße überqueren, als ich bemerkte, dass mit Lutzi irgendetwas nicht stimmte. Ich konnte in meinem Augenwinkel schon mein kleines Vorderrad auf den Zebrastreifen kullern sehen, bevor es mich, bildlich gesprochen, aus den “Latschen” gehauen hat. Nicht gut, wenn man genau weiß, was einem gleich blüht, aber leider nichts dagegen tun kann. Wie in einer schlechten Szene aus “Upps, die Pannenshow” habe ich mich unausweichlich dem Pflasterboden genähert. Man könnte meinen der Schock hätte mich ohnmächtig werden lassen, aber meine Muskeln gehorchen mir leider nicht mehr so, wie ich das gerne hätte oder als Kind auch tatsächlich noch konnte.

Paris mit Rollstuhl

Man darf sich aber nicht verrückt machen, wenn solche oder ähnliche Schlamassel wie Güterzüge auf einen zu rasen. Da kann man nämlich nichts anderes machen, außer sich eben der Schwerkraft hingeben. Es passiert öfters im Alltag, dass ich etwas fallen lasse, aus- oder abrutsche oder auch mal kopfüber im Wäschekorb lande, aber ein Rad ist mir zum Glück zum ersten und hoffentlich auch zum letzten Mal abgebrochen. Dank Chrissis schnellem Reaktionsvermögen konnte Schlimmeres verhindert werden. Mangels Erinnerungsfoto erspar ich euch den Anblick und bin einfach froh, dass ich mich bei dem Unglück nicht schlimmer verletzt habe und alle Knochen noch ganz sind ☺

Quai de Jemappes

Tja, was tun? Haben wir uns gefragt. Mit “drei Beinen” ist Lutzi doch recht wackelig unterwegs und egal wie fest Chrissi hinten auf die Griffe gedrückt hat, Lutzi ist immer wieder nach vorne gekippt. Und das ist wirklich kein angenehmes Gefühl, wenn du alle paar Sekunden befürchtest nach vorne zu fallen. Der kürzeste Weg war ins nächstgelegene Café, dort hat man uns an das nahegelegene Krankenhaus verwiesen. Leider konnte man uns hier weder die Adresse eines Sanitätshauses geben, noch war man bereit uns einen Rollstuhl auszuleihen. Die sind eben nur für Patienten. In eine Autowerkstatt wurden wir stattdessen geschickt. Nicht dass ich große Hoffnung gehabt hätte, dort könne man uns helfen. Die Werkstatt war an diesem Samstagnachmittag natürlich bereits geschlossen. Das googlen hat auch nicht weitergeholfen, langsam musste ich dazu noch auf die Toilette. Daher sind wir mit dem Taxi erst mal ans Hotel.

In unserem neuen Zimmer wollten wir eine Lagebesprechung einlegen und hatten außerdem die Hoffnung, wir würden dort schneller an ein Sanitätshaus, einen windigen Reparateur oder sonst was kommen. Wieder falsch gedacht, bei Ankunft am Generator Hostel wurde uns mitgeteilt, dass wir gar keine Gäste mehr seien. Da das rollstuhlgerechte Zimmer nicht zur Verfügung stand, wurde uns einfach ein neues Zimmer auf der anderen Seite der Stadt in einem ganz anderen Hotel am Arc de Triumph gebucht, ganz ohne uns vorher zu fragen. Hach, wie nett! Wenn es läuft, dann läuft es. Da standen wir unverrichteter Dinge, mit defektem Rollstuhl, zwei Koffern vor unserem Hostel und haben auf ein Taxi gewartet. Immerhin hat uns das Hostel als Abschiedsgeschenk noch die Adresse eines Sanitätshauses mitgegeben, das ab dem Moment noch genau 40 Minuten geöffnet hatte.

Das bestellte rollstuhlgerechte Taxi war dann doch eins wie jedes andere auch. Chrissi hat mich samt Krempel dennoch an Bord bekommen. Vom Pariser Osten ging es einmal quer runter in den Süden mitten im Feierabendverkehr. 5 Minuten vor Ladenschluss haben wir das Medical Care Center erreicht. Unser Patient Lutzi ist mit Chrissi in den Laden, die Koffer und ich haben brav im Taxi gewartet, mein Blick immer Richtung steigendem Taxometer. Lange Rede, kurzer Sinn: es wurde uns eine Reparatur angeboten für stolze 250€ (natürlich nur Cash), mit Rechnung 400€.

In der Not frisst der Teufel Fliegen, ich habe eingewilligt. Ohne zu wissen, dass wir  knapp zwei Stunden später mit einem 100€-Leihrolli, Lutzi und zwei Koffern wieder auf der Straße stehen, um auf ein Taxi zu warten. Ein Stück der Schraube, die die Achse an den Rollstuhl bindet, hat so tief im Rollstuhl gesteckt, dass keiner aus dem Sanitätshaus es fertiggebracht hat, die Spitze da raus zu kriegen. Gefühlt 100 vorbeifahrende Taxis haben uns stehen lassen, bis das kleinste Auto Frankreichs mit dem vermutlich besten Tetris spielenden Taxifahrer der Welt angehalten und uns Girls plus Koffer und samt den beiden Rollstühlen eingeladen und an unser neues Hotel gebracht hat. Halleluja, es war 23 Uhr als wir in dem blau gestrichenen, puffigen, aber immerhin semi-rollstuhlgerechten Zimmer das Licht ausgeknipst haben.

Rollstuhl in Paris

Bevor ich eingeschlafen bin, muss ich Zug, Hotel und Rückflug von London storniert haben. Wir haben über eine Verlängerung in Paris nachgedacht, den Gedanken aber wieder verworfen, weil wir mit Sack & Pack am nächsten Tag nicht wieder eine neue Bleibe während der Fashionweek suchen wollten. Einen schönen Sonntag mit dem neuen Ersatz-Batmobil haben wir trotzdem noch verbracht, bis uns unsere Männer dann tatsächlich abgeholt haben. Klar, der Zug war eine Option, wenn auch schwierig mit angeschlagener Lutzi. So kurzfristig haben wir keine Bestätigung für den Mobilitätsservice der Bahn bekommen und mit dem Auto war es mir dann ausnahmsweise wirklich mal lieber. Den Leihrollstuhl haben wir, bevor wir wieder abgedüst sind, in der Kneipe gegenüber des kleinen Sanitätshauses abgegeben, das sonntags natürlich geschlossen hat.

Ihr kennt mich, unterkriegen lassen ist für mich keine Option, daher haben wir auch aus den verbleibenden Stunden in der Stadt noch das Beste gemacht und ich habe doch noch ein paar Tipps und empfehlenswerte Orte für euren nächsten Trip:

 

O/HP/E

Kleines, aber stylisches Café/Patisserie in der Rue du Château d´Eau (10. Arrondissement). Hier gibt es die besten Croissants, jede Menge andere verführerische süße Leckereien und 1A Kaffee! Die Damen vor Ort sind außerdem sehr herzig ♥

Café Paris

OHPE

 

GISOU

Kleine Bar/Café in der Rue Lepic (18. Arrondissement). Wir waren zum Frühstück hier, es war so super lecker. Man bekommt hier außerdem noch Tapas, Brunch, Vino & Cocktails. Am Eingang ist eine winzige Stufe, leider sind die Toiletten im Keller. Auch wenn in der Bar der Platz gering ist, haben wir uns mit Rollstuhl, dank des herzlichen Servicepersonals total wohl und willkommen gefühlt.

Café Paris

 

Hotel PROVIDENCE

Leider nicht unser Hotel! Ich kann also nicht sagen, wie gut man dort übernachtet. Die Einrichtung ist jedenfalls ein Traum! Ein stilvoll origineller Mix aus Mustern, Tapeten & Teppichen mit einem etwas verruchten Touch – im positiven Sinn. Außerdem kann ich von einem sehr freundlichen Personal und einer sehr hübsch gefliesten rollstuhlgerechten Toilette im UG berichten, die ich benutzen durfte. Da wenige (in meinen Augen noch nicht genug) Lokalitäten in Paris mit einer barrierefreien Toilette ausgestattet sind, frag ich in “Notfällen” immer in den umliegenden Hotels freundlich nach, ob ich dort die Toilette aufsuchen darf. Dieses Hotel lag in unserem Dunstkreis (10. Arrondissement) und sollte ich nochmal nach Paris kommen, möchte ich hier unbedingt wieder hin und wenn es nur zum Essen ist!

 

LE COMPTOIR GÉNÉRAL

Originelle und alternativ eingerichtete Bar mit grün bepflanztem Innenhof direkt am Quai de Jemmapes (10. Arrondissement). Der Eingang liegt unweit vom Canal Saint-Martin etwas versteckt zwischen zwei Hoftoren. Der Zugang ist barrierefrei und eine rollstuhlgerechte Toilette findet man vor Ort auf den gemischten Badräumen. Hier kommt man tagsüber auf einen Kaffee, abends für Drinks, Musik & RambaZamba her.

Bar Paris

 

LE PERCHOIR

Bar & Restaurant mit einer riesigen Dachterrasse und 360°- Blick über Paris. Wir waren auf einen Aperitif vor unserem Abendessen in dieser schönen Location in der Rue Crespin zu Gast (11. Arrondissement). Ein Fahrstuhl führt dich mit samt Rollstuhl bis ganz hinauf in den 7. Stock. Das Restaurant befindet sich im 6. Obergeschoss.

Dachterrasse Paris

 

LA CICCIOLINA

Chrissis Lieblingsessen ist italienisch. Wer also in Paris auch Lust auf gute Pizza und Pasta bekommt, wird direkt ggü. des Le Perchoir im Restaurant La Cicciolina (ebenfalls Rue du Crespin, 11. Arrondissement) fündig. Total netter und herzlicher Service, gutes Essen & feiner Wein. Eine Toilette gibt es dort ebenfalls im EG, allerdings mit einem recht schmalen Zugang von nur 68 cm. Für Lutzi hat es gerade so gereicht.

Pizza Paris

3 KOMMENTARE

  1. Ohje, das klingt ja nach einer äußerst turbulenten Reise. Mir ist sowas zum Glück noch nie passiert. Wahrscheinlich wäre ich an deiner Stelle total ausgeflippt.

    • Hi Caro, ich bin jetzt auch nicht freudestrahlend durch die Gegend gekullert, aber ausflippen bringt halt auch gar nichts 😉 Drücken wir die Daumen, dass es dir einfach nicht passiert 🙂 Liebe Grüße Kim

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